Samstag, Oktober 21, 2017

Beckenschiefstand und Beinlängendifferenz

Was versteht man unter einem Beckenschiefstand?

BeckenschiefstandEin Beckenschiefstand entsteht, wenn die Beine unterschiedliche Länge haben. Diese Beinlängendifferenz kann einerseits – durch einen Unfall oder eine Krankheit hervorgerufen oder angeboren – anatomisch bedingt sein, oder aber es handelt sich um eine funktionelle Beinlängendifferenz, der ursprünglich Muskelverspannungen oder Fehlhaltung zugrunde liegt. Da das Becken von den Beinen getragen wird, passt es sich diesen an und stellt sich bei unterschiedlicher Beinlänge schief.

Steht das Becken schief, versucht der Rücken dies auszugleichen. Die Wirbelsäule wird seitwärts verkrümmt, es kommt zu einer Skoliose. Der Rücken ist in der Lage kleine Längendifferenzen zu kompensieren. Handelt es sich aber um einen großen Längenunterschied zwischen den Beinen, hat dies eine starke Skoliose zur Folge. Diese kann zu äußerst schmerzhaften Kreuzschmerzen, Abnutzungserscheinungen, Bandscheibenvorfällen, aber auch zu schmerzhaften Muskelverspannungen mit Kopfschmerzen und Sensibilitätsstörungen führen.

Echte Beinlängendifferenzen sind häufig:

  • 10% der Menschen haben Beinlängendifferenzen von über 1 cm.
  • Friedberg: Er untersuchte radiologisch 359 symptomlose Soldaten und fand dabei heraus:
  • 56 % hatten Beinlängendifferenz von 0-4 mm
  • 30% hatten Differenzen von 5-9 mm
  • 14% hatten Differenzen von 1 cm
  • Zwei von drei chronischen Patienten mit Kreuzschmerzen haben radiologisch nachgewiesene Beinlängendifferenzen.

Beinlängendifferenzen führen zu einer schrägen Kreuzbeinbasis mit einer Kompensation der gesamten Wirbelsäule (Rotoskoliose). Andererseits wird eine schräge Kreuzbeinbasis, unabhängig von der Ursache, immer eine Iliumrotation mit sich ziehen, wodurch sich die Beinlänge ändert.

Die einzige zuverlässige Methode, um das herauszufinden, ist die Röntgenaufnahme, nachdem die somatischen Dysfunktionen des gesamten Organismus behandelt wurden. Dies ist von Bedeutung, weil eine Iliumrotation eine veränderte Stellung der Beine zur Folge hat, wodurch die Beinlänge bis zu 1 cm verändert werden kann. Dabei muss das Becken und die beiden Beine im Stehen geröntgt werden. Statische Veränderungen von Becken und Wirbelsäule bei Beinlängendifferenz:

  • Das Ilium an der Seite des langen Beins dreht nach hinten und das an der Seite des kürzeren Beins dreht nach vorne.
  • Der Beckenkamm an der Seite des längeren Beins ist höher.
  • Das gesamte Becken ist zum kurzen Bein geneigt und zum langen Bein hin gedreht.
  • Die Kreuzbeinbasis ist zum kurzen Bein geneigt.
  • Die Lendenwirbelsäule-Lordose wird in den meisten Fällen gesteigert, besonders im lumbosakralen Übergang.
  • Die Lendenwirbelsäule macht in der Regel eine Neutralstellung-Seitneigung-Rotation mit Rotation zum kurzen Bein, die Brustwirbelsäule eine NSR zum langen Bein und die Halswirbelsäule eine Translation zur Seite des kurzen Beins.
  • Die Schulter ist an der Seite des langen Beins tiefer, mit Ausnahme der Fälle, in denen die Beinlängendifferenz 1,5 – 2 cm übersteigt.
  • Der Kopf ist zur Seite des kurzen Beins geneigt.
  • Das Becken macht eine Translation zum langen Bein, wodurch das Taillendreieck an der Seite des kurzen Beins größer wird.

Anmerkung:

  • In ca. 80% der Fälle macht die Lendenwirbelsäule eine Seitneigung zum langen Bein mit einer Steigerung der Lordose. In den übrigen Fällen macht sie gar keine Seitneigung oder eine Seitneigung zum kurzen Bein. Die geschieht, wenn strukturelle Schäden sie daran hindern, zum langen Bein zu neigen.
  • Die Höhe der Schulter wird natürlich beeinflusst vom Spannungszustand des M. trapezius und des M. levator scapulae. Eine Problematik in der oberen Halswirbelsäule kann die Schulterposition verändern.
  • Eine Iliumdysfunktion verändert die Beinlänge (funktionelle Beinlängendifferenz) und die Stellung der Beckenkämme.
  • In einem ersten Stadium adaptiert die Wirbelsäule durch eine globale C-förmige Skoliose mit Neigung zum langen Bein. Das gesamte muskulosklettale System wird aber sehr schnell reagieren und eine S-Krümmung etablieren. Dadurch wird der Stress verteilt, Augen und Gleichgewichtsorgane horizontalisiert.

Folgen für das muskuloskelettale System und Symptome der Beinlängendifferenz

BeckenschiefstandDie meisten Beinlängendifferenzen bleiben asymptomatisch, bis ein trauma oder eine Überbelastung zu einer Schmerzsymptomatik führt. Auch dann werden in den meisten Fällen nur die deutlichen Differenzen wahrgenommen. Manche Patientenberichten, dass ihnen aufgefallen ist, dass sie ein „schiefes Becken“ haben oder dass der Arzt bereits bei der Schuluntersuchung gesagt hat, dass sie eine Rückgratverkrümmung haben.

Nicht korrigierte Beinlängendifferenz führen zu myofascialen Spannungen im gesamten Bewegungsapparat. Der lumbosakrale Übergang ist die Region, in der sich die Schmerzen meistens zuerst manifestieren. Danach ist die Wirbelsäule bis hin zum Kopf betroffen. Das myofasziale Gewebe in den Konkavitäten verkürzt sich, wogegen es in den Konvexitäten gedehnt wird.

Je nachdem, welcher zusätzliche Stress auf eine Körperregion einwirkt, werden dort Schmerzen ausgelöst, wenn die Adaptionsmechanismen erschöpft sind.

Im lumbosakralen Übergang werden die Iliolumbalbänder an der konvexen Seite (kurzes Bein) gedehnt werden. Das löst einen lokalen Schmerz aus mit Ausstrahlung am Beckenkamm entlang und in der Leiste, bis zur Innenseite des Oberschenkels. Einen lokalen Druckschmerzpunkt findet man häufig am Ansatz der Bänder am Beckenkamm oder der Transversi von L4 oder L5. Die Iliosakralbänder an der gleichen Seite sind ebenfalls häufig gestresst. Neben dem lokalen Schmerz können Sie eine Schmerz an der lateralen Seite des Oberschenkels produzieren. Häufig sind auch schmerzhafte Triggerpunkte des M. quadrantus lumborum an der Seite der LWS-Konkavität.

Recht häufige Dysfunktionen im lumbosakralen Übergang sind eine unilaterale Dysfunktion des Sakrums nach anterior an der Seite des kurzen Beines, oder eine Torsion des Kreuzbeines nach vorne mit Rotation zum langen Bein sowie eine Extension-Rotation-Seitneigung – Dysfunktion von L4 oder L5.

Bei einer Sakrumtorsion nach posterior ist die Kreuzbeinbasis in der Regel posterior an der Seite des langen Beins. Von den unteren Extremitäten ist das lange Bein mechanisch am meisten belastet. Dort findet man häufiger Hüftarthrose, Gonarthrose sowie muskulären Stress der Adduktoren, des Psoas und der Glutaen. Ein Ischiassyndrom ist häufiger an der Seiten des langen Beins (60%) vorzufinden.

Bei Beinlängendifferenz findet man normalerweise eine Pronationsstellung mit Valgus des Hinterfußes am langen Bein und eine Innenrotation des Beines. Am kurzen Bein findet man häufiger eine Supination des Fußes. Die ist die Erklärung, warum die Patienten an der Seite des kurzen Beins die Schuhsohle an der Außenseite früher abnutzen.

Fazit zur Beinlängendifferenz

Echte Beinlängendifferenzen sind sehr häufig. In der Literatur wird von 50-70% der Bevölkerung mit ungleich langen Beinen gesprochen. Studien bei Patienten mit chronischen Lumbalgien zeigen, dass die Beinlängendifferenzen hier noch häufiger vorkommen. Vor allen Dingen handelt es sich in diesen Fällen von Differenzen von 5 mm und mehr.

Neue Untersuchungen scheinen zu belegen, dass Schrägstellungen der Kreuzbeinbasis von 1,5 mm den Muskeltonus im Lumbalbereich verändern und Auslöser von Lumbalgien sein können. Eine Verbesserung der Symptomatik um bis zu 80 % durch Korrektur der Beinlänge spricht für sich.

Diese Tatsachen unterstreichen die Bedeutung der Statik im Falle von Rückenbeschwerden. Blockierungen und Traumata führen zu Fehlstellungen der Kreuzbeinbasis mit voraussehbaren Folgen für den gesamten Bewegungsapparat. Die schnelle Adaption des myofaszialen Gewebes führt relativ früh zu strukturellen Veränderungen, wodurch die Funktion des gesamten Organismus gestört wird. Eine konsequente osteopathische Behandlung muss dem Rechnung tragen und das myofasziale Gewebe entsprechend behandeln.

Bei uns wird durch eine Korrektur der Beckenschiefstand behoben, die dadurch entstandene Beinlängendifferenz ausgeglichen und Nervenblockaden gelöst. Ihre Beschwerden werden erheblich vermindert bzw. sogar geheilt.

Das Ziel unserer Arbeit ist die korrekte Haltung.

Mit der Beinlängendifferenzkorrektur wird die Ursache behoben, nicht die daraus entstandenen Schäden.

Zum Seitenanfang springen!